Westwärts nach Fannaråki

Breheimen/Jotunheimen – Etappe 2/4

Mo., 24.08 Brydalseter 04:45 – Ortnevik 06:30 — Gaupne 16:30 – Navarsete 18:30

Ich muss die Fähre im Tal um 7:30 Uhr bekommen und gehe nun – um kurz vor 5 Uhr – los. Es ist schwer einzuschätzen, wie lange ich für den Weg brauchen werde. Beim Wandern kann 1km paar Minuten oder auch eine Stunde dauern. — Es ist noch dunkel. Der Lichtkegel meiner Kopflampe scheint auf den Boden. — Es ist kurz nach 5 Uhr, mein Körper glüht vor Hitze, mein Kopf ist höchst konzentriert, um den Weg zu finden und im Dunklen nicht hinzufallen. — Es wird langsam Tag. Über jeden Meter, der nicht bergab geht, freue ich mich. — Die Träger des Rucksacks schneiden sich (gefühlt) in mein Fleisch. Es schmerzt, aber schnellen Schrittes gehe ich voran. — Eine Stunde früher erreiche ich den schließlich den Hafen. Keine 20m von mir entfernt fährt die vorherige Fähre los. Ich setzte mich an den Kai. — Die Berge und Dörfer am Fjord sind einfach so beeindrucken. Diese (!) Berge sind einfach verrückt schön. — Auf dem Boot sehe ich mich zum ersten Mal in der Zivilisation in einem großen Spiegel. Mir fällt auf, dass meine Hände sehr braun, aber auch leicht verdreckt sind. Hinzu kommen Schürfwunden und meine Nase, die pellt. Erst nun sehe ich all dies; sehe, dass man mir die Tage in der Natur ansieht, wenn auch nicht so stark. — Vom Bus aus sehe ich diesen schönen Fjord. Teilweise fallen mir jedoch die Augen zu. Aber die schmale Straße mit ihren Kurven wackelt mich wieder wach. Auf der anderen Seite sehe ich die Berggipfel, in denen ich mich [die Tage zuvor] bewegte. — In Sogndal gibt es eine frische Pizza und eine Cola dazu. Mmh. Beim Wandern verzichtet man auf so einiges: Frisches Essen, viele Gerüche, Musik, Internet, fließendes Wasser, Strom, etc. Nun war ich wieder in der Stadt, auf die ich mich so gefreut hatte. Aber irgendwie fühle ich mich falsch am Platz. — Die nächste Busfahrt [nach Gaupne]. Neben mir sitzt eine Schülerin. In solchen Situationen, wenn ich wandern war, denke ich mir immer, dass ich bestimmt rieche. Dies ist mir unangenehm. Auf einer Hütte stört dieses ja keinen, alle kommen mehr oder weniger verschwitzt dort an. — Anders als geplant fährt der Bus nur bis Gaupne [statt bis Høyheimsvik] und es ist schon halb Fünf, als ich dort ankomme und zudem ist die Hütte weit oben. Anstatt den Berg von der Südseite mit dem Fjord im Rücken zu besteigen, wähle ich nun die Westseite. Mein einziger Anhaltspunkt ist eine Straße, die auf meiner Karte eingezeichnet ist, die ein Drittel von Norwegen zeigt. Hoffentlich finde ich den Weg. — Erstaunlich schnell gehe ich die Serpentinenstraße nach oben, Im Radsport-Jargon würde man sagen, ich fliege den Berg hoch. Verrückt, obwohl ich heute schon um 5 Uhr wandern war. Vermutlich ist mein Körper nach rund sechs Tagen auch schon besser trainiert. — Immer wieder geht ein Wanderweg ab, der die Serpentinen abkürzt. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass ich die geringe Steigung auf der Schotterstraße schneller und vor allem mit weniger Pausen hoch komme. Eine geringere Steigung bedeutet ein geringeres Fuß-Anheben. Dafür zwar mehr Schritte, aber dies verbraucht immer noch weniger Energie. Also widerstehe ich der Verlockung des Wanderweges. — Die Rechnung geht auf. Mit schnellen Schritten und ohne jegliche Pause komme ich den Berg hoch. Ein Schild mit “2,1km Navarsete” lässt mich aufatmen. [Ich bin richtig.] — Ich sehe Hütten links und rechts, aber es werden immer weniger. Wo ist “meine”? Ist meine überhaupt hier? Ich navigiere mit einer Karte auf der gefühlt halb Norwegen ist. — Es werden weniger Hütten. — Es kommt ein erster roter Pfeiler. (Rot ist die Farbe des norwegischen Wandervereins.) Ist dies der Wanderweg? — Es kommt noch einer. — Da ist die Hütte. Eigentlich stellte ich mich auf eine Nachtwanderung ein. Aber noch im Sonnenschein erreiche ich die Hütte, [hier steht etwas, was ich nicht mehr lesen konnte], aber ich lief eben auch den Schotterweg. — Mein Körper glühte auf dem Weg und ich hatte das Bedürfnis meine nassgeschwitzten Sachen zu waschen, war aber zu kaputt. Also ging ich nur kurz, wie jeden Tag, mich selbst waschen und kochte anschließend Essen. — Es ist 8 Uhr. Schnell noch die Hausarbeit erledigen, bevor es um 9 Uhr zu dunkel wird. — 9 Uhr, ich liege im Bett. Verrückt, was ein Körper leisten kann, wenn der Wille da ist. Gestern wanderte ich fast zwölf Stunden am Stück. Ich schlief kurz und wanderte heute schon vor 5 Uhr los zur Fähre. Und dann eben noch die Wanderung [von Gaupne] zur Hütte. Morgen wird erstmal ausgeschlafen. Gute Nacht.

Di., 25.08. Navarsete 09:00 – [Vigdalstøl] – Navarsete 12:30

7 Uhr ist für meinen Körper also ausschlafen? Schon vorher bin ich mehrmals aufgewacht und stehe nun also auf. — Eine der ersten Fragen: Wie ist das Wetter und soll ich weiter gehen? Schon gestern wollte ich [eigentlich] in einer Jugendherberge beziehungsweise einem Hotel [in der Stadt] schlafen, welche aber zu hatte beziehungsweise zu teuer war. Von dem Preis eines normalen Hotels kann ich acht Nächte in einer Hütte bezahlen, also ging ich gestern weiter. Eigentlich würde ich hier gerne eine Pause machen, aber die Hütte gefällt mir nicht so Recht, da sie unter anderem schlecht ausgestattet ist. — Erstmal ein gutes Frühstück. Die Tage zuvor aß ich immer auf der Strecke. Es gibt Kakao und vor allem frische Tomaten und frisches Polarbrot, dazu sogar noch Käse aus der Tube [typisch für Norwegen]. All dies kaufte ich gestern in der Stadt ein. — Zum Glück hat die Tomate [in meinem Rucksack] überlebt. Sie schmeckt auf dem Polarbrot herrlich. — Obwohl ich eigentlich schon fertig bin, nasche ich noch einmal von der Tomate und dem Käse. — Die Hütte liegt in einer Art “Dorf” mit anderen Hütten. Pferde und Schafe laufen frei um die Häuser herum. — Fein säuberlich werden die Sachen zusammengepackt. — Als ich los gehe, nieselt es leicht. — Es geht bergauf, ist anstrengend und ich überlege zurückzugehen. Ich hole eine Wunderwaffe heraus: Beef Jerky Sweet & Hot. Allgemein ist es immer ein bisschen gemein: Man trägt vieles zu Essen und einige Leckereien Tage mit sich rum, versucht sich all dies gut einzuteilen und gegebenenfalls aufzusparen. — Es regnet mehr und mehr. Es wird kühl. Ich ziehe meine Regenjacke an. Zusammen mit Mütze, Schal und der Jacke unter der Regenjacke fühle ich mich plötzlich geborgen. Es geht weiter. — Es regnet stark. — Endlich finde ich einen trockenen Felsvorsprung unter dem ich eine Pause mache. Es scheint nicht aufzuhören zu regnen. Soll ich zurückgehen? Warten? Weiter zu der Hütte, die auf zwei Drittel der Strecke liegt? — Ich warte in der Hoffnung, dass es besser wird, und auch, weil ich mich nicht entscheiden kann. Die Wolken werden genau beobachtet. — Ich ziehe eine weiteres Oberteil, Regenhose und Handschuhe an. — Ich gehe wohl zurück. Auf dem Weg von dem Felsvorsprung zum Wanderweg breche ich im Schnee über dem Bach ein. Ich merke sofort, wie sich meine Schuhe mit Wasser füllen. Dies ist wohl ein Zeichen zurückzugehen. — Es regnet weniger und ich überlege umzudrehen und voranzugehen. Aber ich habe einen neuen Plan: Fünf Hütten zu überspringen. Dieses nimmt mir Druck und gibt mir mehr Zeit an schlechten Tagen an den Hütten zu bleiben. Also wandere ich zurück. Zum Glück geht’s nur bergab. — An der Hütte angekommen treffe ich drei Deutsche, die eine Pause an der Hütte machen, und eine Gruppe norwegischer Volkshochschüler. Mit einem warmen Kakao setze ich mich zu den Deutschen, während die Norweger lernen. — Es war die richtige Entscheidung [umzudrehen], auch wenn es nun nicht mehr regnet. Aber ich sitze neben dem warmen Kamin, trockne meine Sachen und esse Schokocookies. — Um die Hütte laufen zwei Pferde. — Ich entspanne den Tag lang in der Hütte. Wie die Tage zuvor in meiner “Hüttenkleidung“: Eine bequeme Jogginghose und einem ebenfalls bequemen Shirt. Ich esse viel: eine Tomatensuppe, eine Dose Labskaus, Kekse, Kekse, Lomper. — Und Brezelbort [Polarbrot] mit Tomaten und Salz. Wie gut diese frische, saftige Tomate einfach mal ist. Und Knäckebrot mit Bacon Ost. Und einen Keks. — Es ist kurz nach 20 Uhr. Ich liege im Bett und bin gespannt, wo ich morgen sein werde. Vielleicht hier, vielleicht wo anders. Beim Wandern muss man sich nach zwei Dingen richten, ob man will oder nicht: Sein Körper und dem Wetter.

Mi., 26.08 Navarsete 08:00 – Høyheimsvik 12:00 – Turtagrø Hotel

Wie vorhergesagt ist es trocken und ich gehe los. — Ich bin nicht weit weg von der Hütte und es fängt in Strömen an zu regnen. Zur Hütte zurück gehen? Ich ziehe [im Gegensatz zu gestern] sofort Regenjacke und -hose an und gehe weiter. — Der Regen drückt die Wanderstimmung erheblich, alles ist nass und man kann sich nicht entspannt irgendwo hinsetzen. — Der Regen wird weniger und ich gewöhne mich auch an diesen. Die Lust steigt wieder. Der Weg ist für die Wetterverhältnisse in einem guten Zustand. — Wie die Berge leuchten! Im Westen scheint es hell zu sein. Der Schnee auf den vielen Berggipfel scheint zu leuchten. Ein beeindruckender Anblick. — Ich sehe die großartigen Berge auf der anderen Seite des Fjords. — Ich überquere den Scheitel des Bergs und der Blick auf den Fjord wird freigegeben. Ich sehe das türkisfarbene, total stille Wasser des Sognefjords, die grünen Berge auf der anderen Seite, Wolken, die unter mir und über über dem Wasser hängen, und gigantische Wasserfälle, die die hohen Berge runterlaufen. Es regnet nicht mehr und ich nasche etwas Süßes, während ich diesen Anblick sehe, der mir wieder sehr die Wanderlust zurückgibt und die Stimmung nach oben katapultiert. — Noch immer sitze ich hier und höre die enormen Wassermengen, die ins Tal beziehungsweise in den Fjord fließen. — Und immer noch [sitze ich hier]. So wie sich andere Menschen mit Popcorn einen guten Film anschauen, schaue ich mir mit Knäckebrot und Sjokade die Natur an. Ich kann mich einfach nicht satt sehen an diesem Panorama. — Ich steige weiter und weiter ab. Nun bin ich auf der Höhe der Wolken. — Der Abstieg ist lang. Immer wieder ist der Blick durch den Nebel komplett versperrt und statt des Fjordes sieht man nur weiß. Aber er gibt auch immer wieder den Blick frei. — Schon vor langer Zeit wurde aus dem schmalen Wanderweg ein breiter Schotterweg. Die Serpentinen scheinen kein Ende zu nehmen. Dabei immer wieder der [wunderschöne] Blick auf den Fjord. — In Høyheimsvik warte ich auf einer Bank auf den Bus. Dieses ist wahrscheinlich eine der Bänke mit dem schönsten Ausblick überhaupt. Man sitzt direkt an dem glatten, türkisen Wasser, kann weit in den Fjord nach Westen schauen und sieht links und rechts die Berge umgeben von Wolken. Ein Wasserfall, der ziemlich imposant ist und den ich schon oben auf dem Berg sah, sieht man “natürlich” auch. Ich gehe meiner nach dem Wandern zweiten Lieblingsbeschäftigung nach, dem Essen. Leider gibt es, wie in so vielen norwegischen Dörfern, in Høyheimsvik nichts groß, wo man sich etwas leckeres zum Trinken oder zum Essen kaufen könnte. Deshalb greife ich auf meinen Vorrat zurück. — Mittlerweile scheint sogar die Sonne. Und immer noch genieße ich diesen wunderbaren Anblick. Durch die Sonne und die leichten Wellen funkelt mir das Wasser entgegen. — Im Gegensatz zu vorgestern klappt dieses Mal alles mit der Busverbindung wie am Schnürchen. Um vor 4 Uhr komme ich am Turtagrø Hotel an und das ohne die letzten 8km noch auf der Straße wandern zu müssen. Eines der ersten Dinge, die ich tue, ist duschen gehen. Ich drücke immer wieder den Wasserknopf. Dies ist eine der schönen Seiten am Wandern: Einem wird wieder bewusst, in was für Luxus man lebt. Es gibt fließendes Wasser, ja sogar warmes fließendes Wasser. Irgendwie komme ich mir geduscht, Zähne geputzt, etc. wieder “menschlicher” vor, was ja wiederum irgendwie komisch ist. Zuvor wurde jeden Tag in eiskalten Seen oder Bächen gebadet. Als nächstes Wasche ich Klamotten und hänge sie in den Trockenraum. Trockenräume sind schon ziemlich gut. Und ich freue mich auf das Essen. Aber bis dahin ist noch Zeit zum Entspannen oder die Umgebung zu erkunden. — Bisher war die Entscheidung, die ich im strömenden Regen unter einem Felsvorsprung machte, eine überaus gute. Der Abstieg heute gewährte mir einen wunderbaren Blick auf den Fjord. (Eigentlich wäre dieser der Aufstieg von vor zwei Tagen gewesen.) Und nun kann ich ein bisschen Energie in dem Hotel sammeln, ansonsten hätte es noch gedauert, bis ich eine Service-Hütte erreicht hätte. Ich konnte duschen, meine Sachen waschen und sie einfach in den Trockenraum hängen. Und vor allem eines: Ich konnte großartig essen. Ich hatte mir sogar eine Armbanduhr umgemacht, um das Essen nicht zu verpassen. Und ja, es war ziemlich lecker. Wie auf Hütten üblich gab es ein Drei-Gänge-Menü. Dabei unterhielt ich mich mit einem Mann, der auf Kundenbesuch beruflich unterwegs ist und den Charme eines solchen Berghotels dem eines normalen bevorzugt. Dem kann ich nur zustimmen: Man hat einen wunderbaren Ausblick, kann rumlaufen, wie man will, und bekommt hochklassiges Essen. Schon nun freue ich mich aufs Frühstück. Ich hoffe nur, dass das Wetter besser wird. Seit Stunden regnet es durchgehend und ich sitze nach dem Essen in dem [Schlaf-] Haus: Morgens soll es noch regnen und dann besser werden. — Es dauert bis ich den Strom “entdecke”. Stunden nachdem ich angekommen bin, lade ich meine Geräte und stelle fest, dass ich meine Tasche auch erst später zu Ende packen kann. Ich habe ja Lampen in meinem Zimmer. — Vor dem Essen saß ich lange in der Bibliothek. Das Hotel hat eine erstaunlich große mit Bücher rundum die Themen Wandern und Natur. Dies war schön, da ich bereits fast jeden Artikel in meiner GEOlino und mein Buch halb durchgelesen habe. Ich las ein Buch von Reinhold Messner über seine 8.000er Bergbesteigungen. Diese Art des Kletterns reizt mich bisher überhaupt nicht. — Oft wenn man etwas [aus seinem Rucksack] verbraucht, denkt man sich, dass man nun ein klein bisschen weniger tragen muss. Auch wenn es nur ein bisschen Zahnpasta oder Fußbalsam war.

Do., 27.08 Turtagrø Hotel 08:45 – Fannaråkhytta 13:15

Heute geht es vielleicht hoch hinaus [auf über 2000m]. Bisher scheinen die Bedingungen gut, anders als in der Vorhersage ist es bereits morgens trocken. Gestern Abend und heute Früh gab es gutes Essen und gestern lief ich “nur” vier Stunden. Die Auswahl am Frühstücks-Buffet war phänomenal: Es gab alles von frischem Brot, Ei, Bacon, Tomaten, Paprika, Joghurt, Säften, Waffeln, etc. Ich muss mich ein bisschen zurückhalten, um nicht zu viel zu essen, denn dieses würde sich ansonsten in ein oder zwei Stunden auf der Strecke bemerkbar machen. Nach dem Essen kann ich es kaum abwarten loszugehen; ein langer Fußmarsch steht bevor. Alles schnell zusammengepackt und dann los. Ich muss mich bremsen nicht am Anfang zu schnell zu laufen. Ich laufe auf einen U aus Bergen zu, vor mir ein großer Wasserfall, hinter mir ein Regenbogen. — Der Aufstieg beginnt. — Ich versuche langsam und in kleinen Schritten bergauf zu gehen. Einst versuchte ich mit meinem Bruder den höchsten Berg Schwedens zu erklimmen. Zwei Franzosen lehrten mich damals etwas: Ich ging schnell und machte große Schritte, war dafür kaputt und musste oft Pause machen, während die beiden französischen Wanderer im Schneckentempo mit kleinen Schritten an mir vorbeizogen. Bei diesen muss man den Fuß weniger heben und braucht weniger Kraft zum Abdrücken. — Es geht höher und höher. Mit dieser Taktik bisher erstaunlich gut. — Pause. Es gibt ein frisches Brot mit Käse, Wurst und Paprika. OMG ist das gut. Es ist das erste Brot, was ich auf einer Wanderung esse. Ich sitze weit oben auf einem Felsen und kann bereits weit weit schauen. Ich sehe die Berge, Wasser, zwei Bergstraßen und die Wolken. Ich möchte gleich noch ein Brot essen. Aber nein, es ist besser über die Strecke verteilt immer ein bisschen als einmal viel zu Essen. — Nach der Pause muss ich mich erstmal wieder stoppen, nicht zu schnell zu laufen. Es geht höher und höher über die Steine. Der Berg besteht ausschließlich aus Steinen. — Ich treffe drei Wanderer, die den Berg herunter wandern. Ich lasse sie Grüße an die zwei Wanderer hinter mir ausrichten. Diese sehe ich immer wieder von oben. — Und noch ein Brot. Es ist ebenso gut wie der erste. Weit und breit sind einfach nur (kleinere) Steine. Einfach unendlich viele Steine. Ich kann fast bis zu meinem Startpunkt zurückschauen. Ein großartiger Ausblick. — Noch immer sitze ich hier, esse Kekse und genieße den Ausblick. — Ich bin oben in der Hütte. Es ist ein schönes Gefühl dieses geschafft zu haben. Es ist mit 2068m die höchste DNT [norwegischer Wanderverein] Hütte in Norwegen. Gerade ist es sehr nebelig, während ich zum Glück beim Aufstieg noch eine großartige Sicht hatte. Der Aufstieg war leichter als gedacht. — Ich bin glücklich. Nur in sechs Tagen bin ich von Voss nach Ortnevik gewandert, habe den Sognefjord von oben und von unten gesehen und bin auf einen 2000er Berg geklettert. Verrückt! — Gemütlich lese ich auf der Couch “Herr Lykke” [original “Mr. Bliss”, deutsche Fassung “Herr Glück”] von J.R.R. Tolkien. Die Beine liegen oben. — Oh, war das ein schönes Buch mit einer lustigen Kindergeschichte und schönen Zeichnungen. Hab es direkt durchgelesen. [Es war so schön, dass ich es Zuhause sogar kaufte.] — Ich hatte wohl Glück mit dem Wetter. Ich war lange in mein Buch vertieft und war nun wieder draußen. Es ist sehr nass und weiß. Ich sehe kaum die zweite Hütte. Alles ist weiß. — Es wird voll, eine große Gruppe ist von einer Gletscherwanderung an der Hütte angekommen. — Auf einer Hütte sollte man nicht wählerisch sein, wie immer gibt es ein (!) Drei-Gänge-Menü ohne Auswahl. Als Vorspeise Suppe, als Hauptgang Kartoffeln und Köttbullar mit Sauerkraut und Pfirsich mit Schokostreuseln als Nachtisch. Das Essen von gestern [im Turtagrø Hotel] ist wohl unschlagbar. Aber erstaunlich, dass sie hier auf 2000m zu viert über 35 Leute bekochen und bedienen. — Mir persönlich ist die Sport-Schulklasse zu viel. Jungs und Mädchen die sich mit Bergen von Haarspray einsprühen, um hier gut auszusehen. Da ist es besser, wenn es leerer ist und man mehr Ruhe hat. Ich “lese” noch paar norwegische Bücher, also schaue mir primär die Bilder und Grafiken an. — Ich rede noch mit ein paar Leuten, insbesondere mit einem netten Projektmanager, der sich um die Zentralisierung der Krankenhaus-Daten kümmert. Es ist schön, mal mit jemanden lange zu reden. Es ist 9 Uhr, ich werde müde. Der Mann bietet mir an, dass ich noch oben auf dem Dachboden in der Haupthütte schlafen könnte, dort sei noch Platz. Dankend nehme ich das Angebot an, da in der Schlafhütte 30 Schüler sind, die um 9 Uhr längst noch nicht an schlafen gehen, geschweige denn Ruhe denken. Ich tausche mein Bett gegen einen Stapel von vier Matratzen in der Ecke des Dachbodens. Mir gefällt es dort. — Es ist kurz vor 5 Uhr und ich muss aufs Klo. Ich versuche mir dies auszureden, da ich vom Abend weiß, wie kalt und nebelig es ist. Aber dieses hilft natürlich nicht. Als ich in Boxershorts und Jacke vor der Tür stehe, gucke ich nicht schlecht. Es hat geschneit, alles ist weiß und ich schlittere von Stein zu Stein Richtung Klo.

Fr., 28.08 Fannaråkhytta 09:00 – Skogadalsbøen 13:15

Wie erwartet auf einer Hütte in solcher Höhe ist das Frühstück schlicht, aber es gibt frisch gebackenes Brot, Käse, Marmelade, Orangensaft und Porridge. — Auf derartiges Wetter war ich ehrlich gesagt nicht eingestellt. Es ist sehr neblig, sehr wendig und es schneit. Ich ziehen obenrum fünf Lagen an. Die letzte ist die Regenjacke, die mich trocken halten und zusätzlich vor dem starken Wind schützen soll. Aus diesen Gründen ziehe ich die Regenhose ebenfalls an, dazu Mütze, Schal und Handschuhe. — Mir ist angenehm warm; bis auf die Fingerspitzen. Meine Stimmung ist bestens! Es fühlt sich nach Abenteuer an, bei Regen und Nebel von dem 2000er runterzuklettern. — Ich hangel mich [aufgrund des Nebels] von Wegmarkierung zu Wegmarkierung. — Zum Glück gibt es auf den Schneefeldern noch sichtbare Schuhabdrücke. Schon bei gutem Wetter ist es schwer über große Schneefelder zu navigieren, da man die Markierungen [durch die weite Distanz und/oder die Schräge] auf der anderen nicht sieht. Guckt man zurück, ist es ein bisschen gespenstisch. Noch wenigen Metern verschwimmt der Weg hinter einem im Nebel und verschwindet dann. Weiter zur nächsten Wegmarkierung. — Meine Laune ist immer noch gut, ich esse wenig und steige schnell ab. Abstiege sind weniger kraftraubend, eher muss der Kopf hoch konzentriert sein und jeden Schritt bewusst machen. Der Boden besteht aus losen Steinen, die zusätzlich noch glatt sind. Hinzu kommt der Nebel. — Je weiter ich nach unten komme, um so regnerischer wird es, zugleich wird es aber auch wärmer. — Ich begegne einem Wanderer. — Ohne dass ich es vorher bemerkte, ist der Nebel um mich herum weg und ich sehe in der Ferne Berge und einen See. — Ich sehe in der Ferne die Hütte. Normalerweise freue ich mich immer, da es dann nicht mehr lang dauert. Aber die Hütte ist noch sehr weit weg und auf der anderen Seite des Tals. Also gehe ich weiter bergab Richtung Fluss. — Der Anblick ist großartig, ich biege in einen grünen Canyon ein. Links und rechts grün bewachsene Berge, in der Mitte der See. — Es wird immer anstrengender, so langsam mag ich da sein. — Bei der Überquerung einer Brücke erneut ein wunderschöner Anblick. — Ich wandere auf einem kleinen Pfad, links und rechts nur grünes Ge­strüpp und Bäume. Der Weg scheint endlos. Wann kommt endlich die Hütte? — Weit kann sie nicht mehr sein, nichtsdestotrotz schmeiße ich meinen Rucksack auf den Boden, der so schwer auf meinem Schultern liegt. — Nach der Pause und einer Biegung weiter sehe ich endlich die Hütte durch das Grün hindurch schimmern. — Der Moment, wenn man sich in einer Hütte heimisch fühlt, ist immer großartig. Zuerst findet man sein Bett, duscht oder badet, hängt seine nassen Sachen auf und schaut einfach, was wo zu finden ist. Und dann ist da dieser Moment, wie nun: Frisch geduscht und in gemütlichen Anziehsachen sitze ich auf einem Sessel am Kamin und “bin da”. — So langsam füllt sich die Hütte und die Menschen trinken Bier. Es ist Wochenende. Wie so oft (und wie auch gestern) war ich der erste Ankommende. Oft gehe ich früh los, mache eher kürzere Pausen und wandere scheinbar nicht so langsam. Eher wenn man mit mehreren Leuten wandern geht, macht man ausgedehnte Pausen und jeder holt etwas zu essen raus. — Auch diese Hütte hat eine Bibliothek und es sind ähnliche/gleiche Bücher wie gestern. Aber ich fand ein englisches, nachdem ich zuvor an meinem eigenen Buch weiter gelesen hatte. Nun hat sich auch der rote Schnee aufgeklärt, den man immer wieder sieht. Wie ich schon dachte, ist dieses nicht ständig Blut. Algen (Chlamydomonas nivalis [siehe auch Blutschnee]) färbt ihn rot. — Es tut gut, einfach mal wie nun und die Tage zuvor in Ruhe und in gemütlicher Atmosphäre zu lesen. Der Alltag und jegliche Hektik ist weit fern von mir. Mein Leben besteht aus wandern und in den Hütten entspannen, aus sich von der Natur beeindrucken lassen, lesen und erzählen. — Viele kaufen Chips und Bier, so wie es eben an den Hütten, die leicht zu erreichen sind, am Wochenende ist. Ich kaufe Kekse mit dem Gedanken, dass ich morgen dann auch noch welche habe. Wobei im Gegensatz zum Bier mich die Chips (die guten von Sørland) schon ein bisschen reizen. — Noch 50 Minuten bis zum Essen. Wander und Essen, so lässt es sich leben. Aber ich muss zugeben, dass ich meinen PC vermisse: Ein bisschen rumsurfen, Musik hören oder Videos schauen und vor allem programmieren. Ich hab ein paar – für mich spannende – Projekte in der Pipeline, die mich reizen, an diesen weiter zu arbeiten. Noch vermisse ich mein Zimmer nicht, aber die Freunde in Lübeck … mit diesen rumzuhängen. Mit den meisten Leuten hier führe ich ja eher Smalltalk. Heute habe ich bisher nur viel gelesen, da ich keine Lust habe, wieder zu erzählen, wo ich herkomme, was ich mache, wo ich bisher lang wanderte, etc. — Und ohne meine Kreditkarte könnte ich dies hier [den Urlaub] auch gerade nicht bezahlen. — Zwölf Minuten [bis zum Essen] und ja, ich hab Hunger ;-) — Ich hatte eine wunderbare, lange Unterhaltung mit drei Damen aus den USA. Kurz vor dem Essen kamen wir ins Gespräch und sie luden mich schließlich dazu ein, mit ihnen am Tisch zu essen. Wir unterhielten uns und genossen das Essen. Es gab eine erstaunlich leckere Fischsuppe, dann Kartoffeln, frisches Gemüse und Fleisch. Dieser Hauptgang war ebenfalls sehr gut. Wie ich waren auch die drei Damen erstaunt, dass das Essen auf norwegischen Hütten fast immer ziemlich gut schmeckt. Zum Nachtisch gab es Schokokuchen mit Vanillesoße, Wackelpudding mit Smarties und andere Dinge. Ich habe so viel gegessen und es war so gut. Das zweitbeste Essen nach dem im Turtagrø Hotel. — Es ist 15 vor Zehn und ich gehöre, wie oft, zu den ersten, die ins Bett gehen.

Erster Teil: Northward to the Sognefjord

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