Südwärts nach Skarvheimen

Jotunheimen/Skarvheimen – Etappe 3/4

Sa., 29.08 Skogadalsbøen 09:00 – Ingjerdbu 14:00

Ich mache mir ein Lunchpaket, um auf dem Weg zu Frühstücken, aber auch um Geld zu sparen. Ich sage den drei Damen auf Wiedersehen, von denen es zum Abschied ein “Enjoy your life” gibt, und ziehe los … — Der Regen trieb mich eben dazu weiterzugehen [, weshalb ich nicht zu Ende schreiben konnte]. Am Anfang der Strecke sehe ich noch viele Wanderer, was ich gar nicht gewöhnt bin. Aber nach einiger Zeit bin ich wieder alleine auf der Strecke. — Der Start ist sehr anstrengend. Schon bald verlangt mein Körper nach Essen und er soll dieses bekommen. — Es regnet doller und wir kälter. — Von Zeit zu Zeit muss ich mich daran erinnern, mal nach rechts zu schauen: Man schaut auf den grünen Canyon und die vom Schaum weißen Wasserfälle und Flüsse. — Wow, ein unbezahlbarer Ausblick. Ich kann weit in den Canyon schauen, der so unglaublich grün ist. Dazu die ellenlangen Wasserfälle, welche die grünen Hänge herunterstürzen. Ein sehr imposanter [visueller] Eindruck. — Wie schon gestern ist das Ende [der heutigen Wanderung] erstaunlich anstrengend. Es ist der Rucksack, der schwer auf den Schultern sitzt und damit auch die Nackenmuskulatur beansprucht. — Ich bin da; es ist ein kleines “Dorf” mit paar Hütten. Es ist meine erste private Hütte, die ich besuche. [Private Hütten werden nicht vom Wanderverein betrieben, aber als Mitglied kann man ebenfalls in diesen wohnen und übernachten.] Die Hütte ist schön. Aber im Gegensatz zu den meisten DNT-Hütten gibt es hier kein Essenskammer. Außer mir sind bisher zwei Dänen und zwei Deutsche hier. — Mittlerweile sind eine Reihe von Norwegern dazugekommen. — Es ist echt eine freundliche Stimmung hier. Ich hab es selten erlebt, dass alle mit allen reden, sich also keine Gruppen bilden. Wir spielen Spiele und essen zusammen. — Mittlerweile wird Lemon Tree auf der Gitarre gespielt und [dazu] gesungen. — Wow, es ist eine einzigartige Stimmung in der Luft und ich fühle mich pudelwohl. In der einen Ecke singt das eine norwegische Mädchen, während der eine Deutsche dazu auf seiner Gitarre spielt. In der anderen Ecke bereitet der andere Deutsche sein Essen zu und unterhält sich angeregt mit dem Dänen. Zwei norwegische Mädchen spielen in der Sofaecke ein Kartenspiel mit den beiden Kindern. Ich unterhalte mich [währenddessen] sehr leidenschaftlich mit dem Vater über das Wandern in dieser Natur und das, was man dabei fühlt und was dieses mit einem macht. Ich sage ihm, dass ich es ziemlich cool finde, dass er mit seinen beiden, noch kleinen Kindern wandern geht. Er sagt, während des Wanderns leiden sie zusammen, lachen zusammen, weinen zusammen und erleben eben all diese Phasen gemeinsam oder eher durchleben diese Phasen. Und sobald sie an der Hütte ankommen, wie auch bei mir, ist alles “happy” und gut. — Es wird gelacht, gespielt und zusammen werden Lieder angestimmt. Ich werde müde und gefühlt ist es bereits 3 Uhr, dabei ist es noch vor 12 Uhr. Aber diese Stimmung fühlt sich zu gut an und die Gespräche sind zu gut, als das ich nun ins Bett gehen mag. — Es wird [sehr starker] Kaffee, Tee und Whisky getrunken. Die Süßigkeiten werden auf dem Tisch geteilt. — Um 2 Uhr liege ich im Bett.

So., 30.08 Ingjerdbu 10:00 – Avdalen gard 13:45

Frühstück am Tisch. Es gibt frische Pancakes mit Sirup [samt frisch gepresstem Zitronensaft]. Ich sage auf Wiedersehen und gehe los. Zuvor bekomme ich von Phillip noch Schinken. — Während des Wanderns muss ich die ganze Zeit an diesen Abend und diese Menschen denken. (Auch weil mit Phillip plötzlich ein aus meinem Buch beschriebener Typ Mensch vor mit stand.) — Ist das beeindruckend. Ich komme an eine sehr hohe Steilkante, von der ein Wasserfall runterschießt. Das Wasser läuft nicht, sondern schießt geradezu runter in die Luft, um dann gefühlt in Zeitlupe in Form von Wassernebel runterzufallen. Es ist wie Fernsehen schauen, ich setze mich und gucke dem Spektakel lange zu. [Wie ich erst Zuhause erfahre, war dies der Vettisfossen Wasserfall, der höchste im Norden.] — Ich laufe mittlerweile unten im grünen Canyon einen Schotterweg entlang. Man fühlt sich so klein. Nicht weit von einem entfernt sind links und rechts sehr steile und sehr hohe, grün bewachsene Berge, während direkt neben einem der blaugraue Fluss strömt. Hinzu kommen die Wasserfälle, die sich von ganz oben bis unten ziehen. Ein wunderbarer Weg. — Es geht berghoch zum Bauernhof und es ist auch noch nach zwei Wochen [wandern] anstrengend. Der alte Hof liegt direkt oberhalb eines über 170m hohen Wasserfalls. — Meine Hütte [auf dem Bauernhof] ist nur 2×3,5m groß und sehr – sagen wir – rustikal. Ich liege im Schlafsack eingekuschelt im Bett und gucke durch die winzige Tür nach draußen. Es regnet und regnet :-(, dabei ist die Lage des Hofs echt beeindruckend. — Es gab gerade Essen, wie immer ein Drei-Gänge-Menü. Es war ziemlich gut und vor allem ziemlich viel. Normalerweise hätte ich das wohl nie geschafft, aber heute war das kein Problem. Ich bin der einzige Gast, was sich ein bisschen merkwürdig anfühlt. Bedient werde ich von einem freundlichen, polnischen Mädchen, dass ebenfalls gerne wandern geht. Ich sitze noch ein bisschen im Essenszimmer, trinke den Tee, den es zur Waffel gab und lese in einem Buch aus der Bibliothek. Gerade lernte ich, dass Jotunheimen (das Gebiet, in dem ich gerade wandere) übersetzt “Home of the Giants” heißt. Auf Grund der vielen, sehr hohen Berge, die es hier gibt, hat das Gebiet diesen Namen bekommen. Dazu gehört auch Norwegens und Nordeuropas höchster Gipfel.

Mo., 31.08 Avdalen gard 09:15 – Slettningsbu 22:30

Gestern Abend im Bett war mir kurz schlecht. Aß ich vielleicht zu viel? Ich schlief jedenfalls lange; allgemein schlafe ich meistens neun Stunden anstatt der gewöhnlichen sieben. Ich gehe in die Küche und mache mir ein Lunchpaket. Da ich der einzige Gast war, einigten wir uns darauf, sodass sie nicht erst alles [im Essenszimmer] auftischen muss. — Der Wanderstart ist gut, oft ist mein Körper zuerst sehr träge und muss in Gang kommen. Aber heute gab es das erste Brot auch direkt auf den ersten Metern. Zudem geht es ausnahmsweise mal bergab, da die Hütte nicht im Tal, sondern oberhalb des Wasserfalls liegt. — Unten empfängt mich bereits der riesige Wasserfall. — Der nächste, ebenfalls sehr große und imposante Wasserfall lässt nicht lange auf sich warten. Verrückt. Irgendwie sind Wasserfälle so anziehend und hübsch. Vielleicht weil Wasser die Quelle des Lebens ist? — Ich begutachte des Längeren den Wasserfall und seine Höhe, bis ich schließlich realisiere, dass ich bis ganz da oben hoch muss. Ich erinnere mich an die enorm vielen Höhenlinen auf der Karte. Ich ziehe mich bis auf mein Sportunterhemd aus, denn es wird warm werden und ich will keine unnötige Energie durchs Überhitzen des Körpers verschwenden. — Ein kleiner, steiler Trampelpfad schlängelt sich neben dem Wasserfall in scheinbar endlosen Serpentinen den Berg hoch. — Noch nicht ganz oben, aber schon ziemlich hoch, sitze ich auf einer Bank. Ich kann weit gucken und sehe Dörfer in der Ferne. Gegenüber der Berg und die Wolken, unten der blaugraue Fluss, der den Canyon entlang fließt. — Ich mache eine längere Pause. Es wird heute eine lange Wanderung und am Ende des Tages ist es immer der Rücken, der sich bemerkbar macht. — Ich biege auf der Höhe einer Ansammlung von Hütten rechts auf einen kleinen Trampelpfad ab. — Auf breiten Wiesen “verwischt” sich immer wieder der Weg. [Es ist schwer, dem Trampelpfad zu folgen.] — Teils laufe ich Querfeldein. Es ist anstrengend. Die Büsche schlagen gegen die Beine und die Füße versinken im schlammigen Untergrund. — Ich fragte mich, wann ich endlich auf den Wanderweg treffe. Langsam verfluche ich diesen kleinen Trampelpfad beziehungsweise das Querfeldein-Laufen. Es ist so anstrengend, die Schuhe und die Hose ziehen sich voll mit Wasser. — Der Weg, auf den ich treffen sollte, kommt nicht. Und spätestens als mir ein Ast ins Gesicht knallt, fluche ich nicht nur in meinem Kopf, sonder auch verbal. Von meiner Karte weiß ich, dass ich parallel zu einem Fluss laufe und dass über diesen eine kleine Brücke führt. Ich denke mir, dies ist der beste Anhaltspunkt den Weg zu finden. — Der Fluss ist schnell gefunden, aber ist die Brücke nun links oder rechts von mir? Ich ziehe die Schuhe aus und gehe in den Fluss. Er ist tief und schnell; ich muss enorm aufpassen nicht reinzufallen. Vermutlich führt nicht umsonst eine Brücke über diesen Fluss. [Im Fluss stehend] kann ich zwar weiter nach links und rechts um die Kurven des Flusses sehen, aber eine Brücke ist nicht in Sicht. Ich entschließe mich nach rechts zu gehen. — Es ist anstrengend durchs hohe Gestrüpp zu gehen. Zudem sehe ich durch dieses kaum, wo ich hintrete. Hinzu kommt das schwere Gepäck. — Keine Brücke [in Sicht]. Bin ich am richtigen Fluss? Bin ich in die falsche Richtung gegangen? Aber die Vorstellung, dass die Brücke um die nächste Ecke sein könnte, treibt mich weiter voran. — Ich drehe um, erneut durch das GestrÜpp. Mich ärgert, dass ich so viel Zeit verliere. — An einem Baum sehe ich eine kleine, rote Markierung. Ist dies eine DNT Markierung oder nur durch einen Pilz verfärbt? — Ich folge dem Weg, es finden sich weitere Markierungen. Aber all diese sind nur noch sehr schwach. Ist dies ein anderer Weg? Vielleicht ein alter Weg? Ich hole den Kompass raus. Die Nadel zeigt entgegen meiner Laufrichtung. Dies ist gut, ich will nach Süden. Die Sonne steht im Süd­süd­west und es ist bereits 3 Uhr. Zu dieser Zeit war ich oft schon an der Hütte. Aber dies lag nicht nur an dem Weg suchen, sondern auch daran, dass es zuvor nur bergauf ging. Mittlerweile bin ich wieder auf über 800m. Aber keine Pause, dass Adrenalin nutzen und erst mal weiter gehen. — Hier oben fühle ich mich wohl. Ich unterhielt mich die Tage mit dem freundlichen Mann in der Fannaråkhytta darüber: Hoch in den Bergen gibt es keine schlammigen Wege mehr, es gibt keine Insekten und zudem hat man eine weite, weite Sicht, wenn man die Baumgrenze hinter sich lässt. — Vor mir erstreckt sich ein Berg, dessen Höhe mich erstaunlich wenig beeindruckt. Aber meistens kommt danach, wenn man sich gerade freut, oben zu sein, der nächste Berg Und so ist es, aber auch dieser Berg beeindruckt mich wenig. — Es geht höher, noch verfolgen mich die Mücken. Vermutlich aufgrund meines himmlisch guten Geruchs nach Honig und Melone. Während ich dieses hier schreibe, sehe ich, wie sie auf meiner Hose herumlaufen und eine Lücke zum Stechen suchen. Aber die Hose ist ja zum Glück “Mücken-dicht”. — Ich sehe wieder Berge mit Schnee. Der Blick zurück ist schön. Die Sonne scheint zum Glück immer noch und trocknet meine Sachen ein bisschen. Sie wandert mehr und mehr in den Westen. — Ich freue mich sehr über die Sonne, die mir entgegen lächelt, während ich das Geröll höher und höher klettere. Sie wärmt und trocknet mich. Die letzten Tage waren sehr grau, nass und eher dunkel. — Ich fühle mich wohl hier oben: Ich muss nicht mehr durchs Unterholz wandern, werde nicht mehr von Insekten geplagt und habe einen wahnsinnig guten Ausblick. Gerade gucke ich auf einen See und viele viele Berge. Und die Sonne scheint :-) — Verrückt, wie wohl ich mich hier fühle. — Ich komme dem Dorf näher. Schon der Blick aus der Ferne nahm mir die Hoffnung, dass es dort einen Supermarkt gibt. Immer wenn ich auf der Wanderkarte eine größere Ansammlung an Häusern sehe, hoffe ich dies insgeheim. Aber ich weiß auch, dass es in norwegischen “Dörfern” meist keinen einzigen Laden gibt, auch keinen Becker und keine Tankstelle, sondern nur paar Hütten beziehungsweise Häuser. — Wie vorher geplant laufe ich ein langes Stück auf der Straße, um Zeit zu sparen. Ich muss einen relativ lang gezogenen See halb umkreisen. Das Gehen auf norwegischen Straßen ist dabei sehr entspannt. Während der gesamten Zeit kommt auf der Fahrspur, auf der ich laufe, nur ein Auto. Am Anfang macht es noch Spaß dort – mit der untergehenden Sonne im Rücken – zu laufen, aber nachher zieht sich die Straße enorm. — Die Sonne verschwindet hinter den Bergen. Ich umkreise endlich den See und bin am Anfang des Wanderweges. Es dämmert. Ich halte mich an, noch einmal eine längere Pause zu machen, anstatt immer weiter zu laufen. Mittlerweile ist die letzte Pause lange her und ich lief echt viel [am Stück]. Noch einmal Energie sammeln, um die nächste Stunde gut durch zustehen und schnell anzukommen. — Bewusst lasse ich meine Kopflampe noch aus, um nicht nachtblind zu werden. Und sie beleuchtet ja sowieso nur mein direktes Umfeld und ich muss generell eher weit gucken, um die nächste Wegmarkierung zu sehen. — Ich folgte einem gut markierten Weg, der aber keine DNT Markierung hatte. Irgendwann drehte ich um. Mich ärgert dieser fahrlässige Fehler sehr. Ich folge dem Weg lange, obwohl er keine DNT Markierung hatte. — Nach zehn Minuten finde ich das letzte T an der Stelle, an der ich es auch vermutet hatte. Ich hab den vom DNT markierten Weg wiedergefunden. In den verschwendeten 20 Minuten ist es dunkler geworden. — Ich werde immer blinder, aber ich kann erstaunlich gut dem Weg folgen. Noch immer ist mein Licht größtenteils aus. — Es ist dunkel, die ersten Sterne sind zu sehen. Wie dunkel wird es hier wohl? Ich hoffe nur, dass ich den Weg in der Dunkelheit nicht ganz verliere und so im Notfall nicht mehr zurückfinde. Inzwischen ist meine Lampe an. — Ich komme an eine Kreuzung, von hier ist die Hütte laut der Karte nicht mehr weit weg. — Um 22:30 Uhr bin ich an der Hütte. 13,25 Stunden nach dem ich los gewandert bin. Ich bin erstaunt, wie gut und ohne jegliches Verlaufen ich den Weg in der Dunkelheit gefunden habe. — Ganz kurz überlege ich, ob ich einfach ins Bett gehen soll. Aber nein, es ist dieses Hütten-Phänomen: Sobald man da ist, ist wieder alles gut. Zudem bin ich auch nicht richtig fertig. Also läuft das Hütten-Programm ab: Es wird Kakao gekocht. Auch wenn mir nicht kalt ist, ist es immer nett etwas Warmes mit Geschmack zu trinken. Während der Kakao abkühlt, gehe ich aufs Klo und hacke ein bisschen Holz klein. [Oft sind das Klo und das Holz in der selben Hütte.] Mit dem Kakao setze ich mich vor den Kamin und mache ihn an. Ich hole Wasser ins Haus und gehe nachts noch im See baden. ich will mich nicht so verschwitzt in meine ordentlichen Klamotten und den Schlafsack stecken. Über dem Kamin wird alles zum Trocknen aufgehängt und es wird Sodd gekocht, eine Suppe mit Fleischklößchen. Dann wird noch ein Kakao gekocht; heute wird “gefeiert”! Gefeiert wird die lange, erfolgreiche Wanderung. — Wie so oft esse ich auf dem Sofa anstatt am Esstisch. Das Radio spielt Rockmusik. Es gibt ein Radio :-) Dies ist keine Seltenheit, aber im Gegensatz zu den meisten hat dieses volle Batterien und Empfang. Es ist das erste Mal, dass ich Musik in einer Hütte habe. Ich tunke Schoko-Cookies in den Kakao. Die Welt ist gut. — Die Hütte ist so warm, sodass ich in Unterhose auf der Couch liege und Kekse esse, während ich dem Kamin und der Musik lausche. — Verrückt, was für ein Tag das heute war. Heute Morgen wanderte ich noch im entfernten Avdalen. Es ging lange bergauf, auf über 800m. Und dann fühlte ich mich das erste Mal verloren. Auf dem Weg nach Vatnane [(als ich den Weg nicht fand und umdrehte)] hatte ich die andere Hütte nicht weit entfernt von mir im Rücken, sodass ich mich nicht verloren fühlte. Aber heute lief ich irgendwo durchs sumpfige Unterholz, in dem sich mir viele Büsche in den Weg stellten. In solchen Momenten bin ich zwar angespannt und das Adrenalin steigt, aber Angst hab ich keine. Ich habe stattdessen vertrauen in meinen Körper. Ich weiß, dass er wie vor paar Tagen zwölf oder dreizehn Stunden am Stück wandern kann. Selbst wenn man kaputt sein sollte, kann man längere Pausen machen. Der Körper regeneriert sich erstaunlich schnell. Zusätzliche Sicherheit gibt mir mein Equipment. Ich weiß, dass ich einen Kompass habe und zur Not mit diesem navigieren könnte. Ich weiß, dass ich eine Kopflampe mit Ersatzbatterien habe und so auch lange im Dunkeln laufen kann. Als dritte Komponente kommt die Verpflegung hinzu. Ich machte mir ein sehr großes Lunchpaket (von dem ich das letzte Brot am Anfang des letzten Wanderwegs aß) und zudem hatte ich noch mindestens für diesen Tag genügend Essen: Polarbrot, Schinken, Knäckebrot, Beef Jerky, Kekse. Wasser gibt es überall. Nachdem ich den Wanderweg wieder fand, ging es hoch hinaus auf über 1500m. Es fühlte sich ein bisschen wie in den ersten Tagen an. Aber ich durchwandere ja nun auch die Berge zurück nach Süden, die ich zuvor weiter westlich in einem anderen Gebiet nach Norden durchwanderte. Und am Ende [folgte noch] die Nachtwanderung, in der ich erstaunlich gut den Weg fand.

Di., 01.09 Slettningsbu

Gestern gab es noch Sjokade, Wasa Sandwich und Knäckebrot mit dem Schinken, den ich geschenkt bekam. Ich war fröhlich und gut drauf. Erst um Viertel vor drei ging es schließlich ins Bett. — Um 10:00 Uhr wache ich auf. Als erstes wird Teewasser gekocht und der Ofen mit Holzspalten angefeuert, die ich gestern Nacht in kluger Voraussicht auf dem Rückweg vom Klo schlug. Musik erschallt aus dem Radio und es gibt Frühstück: Sjokade, Polarbrot, Schinken, Knäckebrot und Havregrøt, dazu einen Tee. Ein gutes, entspanntes Frühstück. Gleich wird vermutlich erst mal groß gewaschen, sodass alles trocknen kann. Wie fast jeden Tag, sagte ich mir gestern, morgen kannst du ja eine Pause machen. Aber heute, nach 14 Tagen, in den ich immer (mehr oder weniger) wanderte, bleibe ich hier [an der Hütte] und mach eine Pause. — [Durchs Fenster blicke ich nach draußen.] Ich treue dem Thermometer nicht ganz, es zeigt 7°C an. (Drinnen sind warme 26°C.) Im hellen Tageslicht kann ich nun auch die Umgebung der Hütte und die Hütte selbst sehen. Gestern, selbst als ich nicht allzu weit weg von dieser stand, war es nur dunkler Schatten. — Es ist schließlich Viertel vor zwei bis alle die Hausarbeit oder eher Hüttenarbeit getan ist und ich mir eine weitere Portion Havregrøt gönne. Es ist geschmacklich nicht besonders herausragend, aber es füllt den Magen und schlecht schmecken tut es keinesfalls. Ich machte den Abwasch und wusch einen großen Berg an Klamotten, die in den letzten, verregneten Tagen verdrecken. Rucksack und andere Gegenstände wurden ebenfalls gesäubert und geflickt. Da der Boden von der tropfenden Wasche nass war, wurde die Bude gefeudelt und anschließend gefegt. Und dann gibt es eben noch viele Kleinigkeiten, die es in so einer Hütte zu tun gibt: Müll rausbringen, Kerzenständern für den Abend auffüllen, Holz ins Haus holen, Kleinholz hacken, Abwasser raus und frisches Wasser reinholen. Und gar man sich versieht, muss man schon wieder den Kamin mit Holz füttern und die nasse Wäsche mal wenden. Aber ich mag diesen Hüttenalltag. Er hält einem vor Augen, was man an Wasser braucht und Müll produziert, wenn man dies rein und raus aus der Hütte schleppen muss. Und man wird sich bewusst, in welchem Luxus von fließendem, warmem Wasser und Strom man lebt. Man hat wie selbstverständlich eine Dusche, ein Waschbecken mit Abfluss, ein Klo, eine Waschmaschine und drückt man auf den Lichtschalter, geht natürlich das Licht an. — So ein Tag Pause tut mal gut. Gerade kochte ich. Es gab eine Pfanne mit Reis, Schinken, Möhren, Erbsen, Champignons, Käse und Schinken-Käse. Es schmeckte erstaunlich gut. Nun (nach dem Essen) gibt es Eistee. Wenn man so viel und immer nur Wasser trinkt, ist es mal nett “Wasser mit Geschmack” zu haben. — Ich bin fröhlich, tanze sogar durch die Hütte, während lautstark Musik aus dem Radio schallt. — Vor vielen Tagen unterhielt ich mich mit den drei deutschen Jungs darüber: Eigentlich tut man nichts groß in der Hütte, aber die Zeit vergeht unbemerkt und man ist fröhlich. Die meiste Zeit bin ich in der Hütte, nur zwei Mal bin ich kürzer draußen, unter anderem klettere ich Felsen hoch. Draußen ist es windig, das Thermometer hält sich zwischen 5°C und 10°C. Ob es morgen weiter geht, weiß ich noch nicht, generell bin ich gut in der Zeit. Es tut gut zu entspannen. In einer Hütte wie diesen geht dies auch gut, im Gegensatz zu den bediensteten Hütten der letzten Tage. Dort sind viele Menschen und Essen gibt es nur zu festen Zeiten. Hier kann ich mir zur jeder Zeit Kekse und Eistee nehmen oder eben was kochen oder einfach in Unterhose im Wohnzimmer rumhängen. — Mittlerweile sind zwei Norweger angekommen, die für über fünf Monate durch Norwegen wandern, dass heißt, ich muss mich (leider) wieder benehmen ;-)

Mi., 02.09 Slettningsbu

Ruhetag

Do., 03.09 Slettningsbu 08:00 – Sulebu 14:30

Gestern war Ruhetag. Für eine weitere Nacht blieb ich in Slettningsbu, um einfach zu entspannen. Zudem war die Wettervorhersage – wie ich erfahren hatte – sehr schlecht. Viel Regen. Im Radio wurde durchgesagt, dass durch irgendein Einkaufszentrum ein “Fluss” fließt. Ich machte nicht viel, saß auf dem Sofa genauso wie das norwegische Pärchen. Ich programmierte den halben Tag lang mit Zettel und Papier. Den Tag über lief das Radio im Hintergrund. Gegen Nachmittag kam eine große Wandertruppe mit 14 Männern aus dem Gebiet um Köln [an der Hütte an]. Da wir schon eine Nacht dort verbracht hatten, hatten die anderen ein Vorrecht auf die Betten. Wir drei zogen schließlich in die zweite Hütte, die wesentlich kleiner war. Dafür hatten wir dort unsere Ruhe, mussten jedoch erst mal kräftig heizen. Die Hütte – insbesondere der Boden – war kalt. Das beste an der Wandertruppe war: Wir wurden zu ihrem Drei-Gänge-Menü eingeladen. Dieses war eine willkommene Abwechslung und es schmeckte auch sehr gut. Abends las ich schließlich im Kerzenschein ein Buch, das ich fand. — Heute Morgen ging es dann früh los, ich wollte vor der Wandertruppe auf der Strecke sein. Wir alle, auch das norwegische Pärchen, hatten das gleiche Ziel. Es gab eine Portion Havregrøt [Haferbrei] und dann ging es um kurz nach 8 Uhr als Erster los. Ich mag es vorne zu laufen, als Erster. Es hat etwas von Entdecker sein. Entdecker von diesem Weg, zumindest für heute. — Das Wetter ist schlecht, es ist kalt, regnerisch und nebelig. Ich habe fünf Lagen [Klamotten] an. Der Regen klatsch mir nur so ins Gesicht. Aufgrund dessen gehe ich schnellen Schrittes voran. — Die ersten vier Stunden lief ich ohne große Pausen und ohne große Anstrengung. Ich bin wohl wenigsten ein bisschen trainiert und habe zudem die letzten Tage entspannt. Noch zwei bis drei Stunden; ich denke mir, so lange ist das nicht mehr. Verrückt. Würde ich Zuhause zwei/drei Stunden bis nach Hause laufen müssen, würde ich denken “WTF”. — Es geht hoch. Es wird warm. Ich ziehe einige Schichten [Klamotten] aus. — Es ist gespenstisch. Diese karge, felsige Landschaft und alles verschwimmt im Regen und Nebel. Es ist fürchterlich grau. Ich schaue kaum nach links, rechts oder zurück. Der Blick ist fest nach unten gerichtet. Das steinige Geröll ist äußerst glatt. Es ist irgendwie eine surreale Atmosphäre. Hinzu kommen der Wind, der mir ins Gesicht peitscht, und der Regen. — Oh, bei diesem “tollen” Wetter auch noch eine Flussüberquerung. Es gibt Schöneres als bei diesem nasskalten Wetter die Schuhe auszuziehen. — Wann kommt endlich die Hütte? Meine Karte ist aufgrund der Nässe im Rucksack verstaut. — Hinter jeder Erhebung und jeder Kurve hoffe ich die Hütte zu sehen, aber es geht immer weiter. — Schnellen Schrittes gehe ich voran, ich will ankommen. — Weit kann die Hütte nicht mehr sein. Ich mache eine Pause und siehe da, dass norwegische Pärchen kommt vorbei und überholt mich. — Auf zum Endspurt. Jetzt habe ich einen Anreiz und versuche die beiden wieder einzufangen. — Und wieder setzt dieses wunderbare Hütten-Gefühl ein. Nach all diesem Regen komme ich in eine warme Hütte. Hier sind zwei Angler, die schon ordentlich eingeheizt haben. Umziehen, Klamotten zum Trocknen aufhängen, bevor der riesige Trupp kommt, Essen kochen. — Endlich entspannt auf dem Sofa [rum-] hängen, in der bequemen Jogginghose und etwas warmes zu essen. — Mittlerweile sind mehr und mehr von der [Wander-] Gruppe angekommen. Generell ist es entspannter ohne eine so große Gruppe. — Wieder werden wir drei zum Essen eingeladen, wieder gibt es drei Gänge :-) (Und pzzzt, ich hatte schon vorher eine ganze Dose Labskaus gegessen. Ich war ja vor ihnen an der Hütte.) — Es ist Abend, ich lese und trinke eine heiße Schokolade.

Fr., 04.09 Sulebu 08:00 – Bjordalsbu 20:15

Heute wird ein langer Tag. Es sind zehn Stunden Wanderstrecke angegeben, aber ich bin vermutlich zwölf oder mehr Stunden unterwegs. Zusätzlich zum Frühstück mache ich mir noch eine Portion Havregrøt für unterwegs und fülle dies in den fast leeren Sjokade-Behälter. — Es ist kurz nach 8 Uhr. Kurz auf Wiedersehen sagen und dann geht es los. — Ohui, ich sehe zum ersten Mal in Norwegen Rentiere. Was für ein Anblick, eine große Herde laufen zu sehen. — Die Landschaft beeindruckt mich. Ich bin auf geschätzt 1400m, es gibt steinige Berge und Seen, dies sich vor diesen ausbreiten. — In dieser weiten, weiten Landschaft laufe ich alleine vor mich hin. — Ein Fluss breitet sich vor mir aus. Aufgrund der Temperatur will ich meine Schuhe nicht ausziehen. Ich gehe flussaufwärts. Immer wieder wiege ich die möglichen Übergänge ab: Wie weite Schritte muss ich machen? Wie glatt sind die Steine? Wie stark die Strömung? Wie tief ist es? — Es hilft nichts, ich ziehe die Schuhe aus und warte durchs kalte Wasser. Ich ärgere mich, dass ich so viel Zeit mit der Flussüberquerung verbracht habe. — Ein U aus Bergen erstreckt sich vor mir und mir ist bewusst, was mir blüht. Die Frage ist nur, wie hoch wird es gehen? Ich mag eine Pause machen, aber wie so oft sage ich mir, diese kannst du oben machen. — Ich kann weit sehen, erstaunlicherweise sehe ich immer noch die Hütte, obwohl ich schon des Längeren unterwegs bin. — Es gibt einen Keks und ein Wasa Sandwich. Ich mag die Natur hier. — Berge weit und breit, wie schön. — Wieder sehe ich Rentiere, wie sie elegant und schnell über die Hügel vor mir laufen. Es gefällt mir, in diesem Gebiet zu laufen :-) — Es ist immer wieder beeindruckend zurückzuschauen und zu sehen, welche enorme Strecke man zurücklegt hat. — Es kommt ein weiterer Fluss. In diesem Gebiet sah ich bisher noch keine Brücke. Diesmal wird nicht lange gezögert und der Fluss barfuß, mit hochgekrempelter Hose und den Schuhen in der Hand durchquert. Dieser Fluss ist zwar breit, aber relativ flach und die Strömung gering. — Wenig später, der nächste Fluss. Ich schaffe es diesen zu überqueren mit nur einem ausgezogenen Schuh. (Es gibt ein paar Steine im Fluss.) Dieses spart Zeit, denn nur ein Fuß muss wieder abgetrocknet und eingepackt werden. Und Wanderschuhe wollen auch erst mal richtig geschnürt sein. Nicht zu fest, aber auch nicht zu locker. — Weiter gehe ich durch die karge, steinige, aber in meinen Augen sehr schöne Landschaft. Ich durchquere riesige Täler. — Es geht auf 3 oder 4 Uhr zu und ich weiß von meiner Karte, dass an der Straße, die ich queren muss, ein privates Hotel oder eine Hütte liegt. Zu meiner eigentlichen Hütte müsste ich noch fünf Stunden weiter nach Süden wandern. Mein Kopf freundet sich schon mit dem Gedanken an, dort zu übernachten. Ich überlege bereits, was ich [an der Rezeption] sage und frage, wenn ich ankomme. Ich versuche eher daran zu denken, weiterzugehen, Ich habe keine Ahnung, was dort überhaupt ist. Vielleicht ein sehr teures Hotel? Vielleicht nur ein Cafe? Vielleicht sind alle Betten belegt? … — Es hilft nichts, ich wandere mittlerweile über sechs Stunden. In meinem Kopf erhöhte ich schon zwei Mal den Preis, den ich für ein Bett dort zahlen würde. Ich kann mich von diesem Gedanken nicht mehr abbringen. Obwohl es auch sein kann, dass es eben voll oder zu ist. Die Saison endet langsam überall. — Es geht auf 4 Uhr zu; endlich endlich sehe ich die Straße. Eigentlich wollte ich an der dieser um 3 Uhr sein. — Ich sehe ein große Haus an der Straße, das gut ein Hotel sein könnte. Es sieht irgendwie dunkel aus und es steht nur ein Auto davor. Ich steige vom Berg ab. Der Weg ist grausam. Büsche gehen mir bis über die Hüfte, der Boden ist [von seinem Zustand] von sehr matschig bis einfach Wasser. Es fühlt sich durch die Büsche an, als müsste ich mich durch eine Menschenmenge quatschen. Nach der Stelle, an der ich vor paar Tagen den Wanderweg suchte, ist dies wohl der schlechteste Wanderweg. Aber das Hotel habe ich fest im Blick. — Es leuchtet im Hotel. Wenn es denn überhaupt ein Hotel ist. — Ich stehe vor dem Zaun des Hotels. Das Tor ist verriegelt mit einem Schild, das sagt, die Saison ist vorbei und deshalb haben wir geschlossen. Merkwürdigerweise kratzt mich dieses überhaupt nicht. Dies wundert mich [darüber], da ich mir vorher so viele Gedanken machte. Ich heckte sogar schon den Plan aus, mein Buch mit zum Frühstücks-Buffet zu nehmen und einfach die vollen zwei Stunden dort zu verbringen. Schließlich müsste ich an dem Tag nur vier Stunden wandern. Aber nun war es einfach ein “Okay, dann geht es halt weiter.” — Es ist nach 4 Uhr. Wie geplant mache ich hinter der Straße [, an dem das Hotel steht,] eine große Pause. Ich hole meine “Wunderwaffe” raus, das Havregrøt, welches ich heute morgen aufkochte. Als ich den Behälter aufmache, ist das Havregrøt zu meinem Erstaunen komplett braun. Vermutlich durch das Schütteln [in meinem Rucksack] hat es sich mit der restlichen Sjokade in dem Plastikbehälter vermischt. Aber dies ist keinesfalls schlecht, sondern gut. Das Zeug schmeckt nur mit viel Zucker. Mmh, ist das gut. Außerdem gibt es noch drei Knäckebrote mit verschiedenen, leckeren Käsesorten; und natürlich Kekse. — Erholt gehe ich weiter. Es geht auf 5 Uhr zu. Ich ändere meine geplante Ankunftszeit von 8 auf 10 Uhr. Bis 8 Uhr ist es hell und bis 9 Uhr immer noch hell genug. — Vor mir erstreckt sich ein hoher Berg. — Plötzlich schrecke ich hoch. Ich war wohl sehr tief in meine Gedanken und/oder dem Wandern versunken. Ich guckte nur nach unten. Bellend läuft ein Hund auf mich zu; nur paar Meter von mir entfernt steht ein Zelt und davor eine Frau. — Ich setze mich kurz und wir haben ein angenehmes Gespräch geführt. Die Frau ist mir sympathisch. Morgen kommt sie vielleicht auch zur Hütte. Aber aufgrund des schlechten Wetters hat sie nun ihr Zelt aufgeschlagen und schläft hier. — Bisher war das Wetter erstaunlich gut, aber nach gestern konnte es ja auch nur besser werden. Es geht kaum Wind und nieselte bisher nur paar Mal. Gerade ziehe ich zum dritten Mal meine Regensachen an. Aber sobald ich die Regensache jeweils an hatte, hörte es immer auf zu regnen. Durch die Tage ist das Anziehen mittlerweile totale Routine. Allgemein sitzen die Handgriffe. Die Wanderkleidung fühlt sich ein bisschen wie eine Uniform an, die ich morgens fix anziehe. Alles hat seinen festen Platz. Rechts [in der Hosentasche] die Digitalkamera, links in der großen Tasche die Karte und in der kleinen mein Notizheft und ein Kugelschreiber. Auch im Rucksack hat alles seinen festen Platz. Es fühlt sich ein bisschen wie beim Militär an. Ich packte den Rucksack nun schon sehr oft und alles ist so gepackt, dass die Dinge, die ich oft beziehungsweise unterwegs brauche, griffbereit sind. — Nun regnet es schon länger, aber nach den Tagen stört mich dieses nicht mehr. Es geht steile Berge hoch, auch dies “stört” mich nach den Tagen nicht mehr (Im Sinne von, ich laufe diese ohne größere Anstrengung hoch.) — Ich mache eine Pause. Ich versuche eine längere zu machen, es liegt noch viel Weg vor mir. Wind- und regengeschützt sitze ich hinter einem Felsen. Allgemein findet man – wie in den Tagen zuvor -, sehr wenig bis gar keinen Schutz vor dem Regen und Wind. Ich wandere weit oben, hier gibt es fast nur noch kleine Steine und Berge. Sonst nichts. — Es geht noch mal steil nach oben. Um einen Anreiz zu haben, sage ich mir, dass es oben den kleinen Rest Havregrøt gibt, den ich bewusst übergelassen hatte. Vielleicht ist ja die Hütte hinter dem Hang? So was denke ich nach langem Wandern oft. Auch wenn ich aufgrund der Helligkeit weiß, dass es noch viel zu früh ist. — Oben angekommen wandere ich erst mal weiter. Aber nicht allzu viel später gibt es dann das versprochene Essen. Es soll die letzte große Pause sein. Eigentlich will man immer weiter und weiter. Aber längere Pausen sind gut für den Körper. Aber so spät kann man auch nicht mehr allzu lange Pausen machen, denn es wird schnell zu kalt. Während der Pause freue ich mich irgendwie, dass das Hotel zu hatte. Ansonsten wäre ich nun nicht hier. Es ziehen dunkle Wolken auf, aber so schnell stört mich Regen nicht mehr. — Ich vermute die Hütte am Ende einer langen langen langen Geraden. Schnellen Schrittes gehe ich voran. — Ein Dach blitzt auf. Ist das meine Hütte? Vermutlich. — Ja, sie ist es. Die bewährte Abfolge: Kerzen anmachen, um Licht zu haben. Das restliche Wasser kochen und Kakao machen. Mit dem Kakao vor dem Kamin sitzen und diesen anmachen. Genügend frisches Wasser ins Haus holen, die nasse Sachen aufhängen und den restlichen Kakao trinken. Baden gehen. — Wäre jemand hier, hätte er bestimmt etwas zu lachen. Ich laufe nackt von Stein zu Stein mit meinen Sachen in der Hand zurück zur Hütte. Aber hier ist niemand. Als ich bei meiner Ankunft die verschlossene Haustür sah, dachte ich mir Jackpot. Ich war davon ausgegangen, dass jemand hier ist, da heute Freitag sein müsste und die Hütte nicht so weit ab vom Schuss ist. Wie bei der letzten so weiten Wanderung dachte ich, es gibt zwei gute Optionen: 1) Jemand ist da, hat die Hütte geheizt und fragt mich, ob ich was essen möchte oder 2) ich bin alleine. Dann kann ich mich ausbreiten, wie ich will, und so lange Krach machen, wie ich will. — Es gibt die leckere, selbst gekochte Reispfanne, die ich vor paar Tagen zum ersten Mal machte. Nach über zwölf Stunden Wanderung sitzt ich in der Hütte, es ist warm, gibt Essen und im Hintergrund läuft das Radio. Die Welt ist gut. — Ich bin erstaunt über das “This is Kim Wild” aus dem Radio. Scheinbar moderiert sie eine 80er Sendung auf Radio Norwegen. — Erst mal klar Schiff gemacht. Überall lagen meine Sachen herum, dazu die Kochutensilien und der Müll [vom Kochen]. Beim Rausbringen des Abwassers stelle ich erstaunt fest: Es schneit. — Es ist kurz nach 1 Uhr [nachts], ich liege im Bett und bin sehr kaputt, vermutlich weil es von der Distanz auch eine sehr lange Strecke war.

Erster Teil: Northward to the Sognefjord | Zweiter Teil: Westward to Fannaråki

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